Hörverlust, Tinnitus und Schwindel – wie sich Schilddrüsenprobleme auf unser Gehör auswirken können
- Dr. Christian Lunow
- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ im Hals – und doch hat sie einen enormen Einfluss auf nahezu alle Prozesse im Körper. Ihre Hormone steuern den Stoffwechsel, regulieren den Energieverbrauch und wirken sich auf Herz, Gehirn, Muskeln und viele weitere Organsysteme aus. Weniger bekannt ist jedoch, dass auch das Hör- und Gleichgewichtssystem empfindlich auf Störungen der Schilddrüsenfunktion reagieren kann. Hörverlust, Tinnitus und Schwindel gehören zu den Symptomen, die in diesem Zusammenhang immer wieder beobachtet werden – und dennoch häufig übersehen werden. Aktuelle Studienergebnisse stützen diesen Zusammenhang.
Dieser Artikel beleuchtet, wie Schilddrüsenerkrankungen das Gehör beeinflussen können, welche Mechanismen dahinterstehen und warum eine frühzeitige Diagnose so wichtig ist.

1. Die Schilddrüse und ihr Einfluss auf einen Hörverlust, Tinnitus und Schwindel
Die Schilddrüse produziert hauptsächlich zwei Hormone: Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3). Diese Hormone beeinflussen nahezu jede Zelle im Körper und spielen eine zentrale Rolle im Stoffwechsel. Sie regulieren unter anderem die Sauerstoffverwertung, die Wärmeproduktion, den Herzschlag sowie die Funktion des Nervensystems.
Besonders entscheidend sind die Schilddrüsenhormone während der Schwangerschaft. Auch in den ersten Schwangerschaftswochen ist das ungeborene Kind noch vollständig auf die Funktion der mütterlichen Schilddrüse angewiesen. Eine Unterversorgung kann irreparable Schäden am Gehirn mit kognitiven Beeinträchtigungen (Kretinismus) verursachen. Kinder von hypothyreoten Müttern haben zudem ein erhöhtes Risiko, Wachs-tumsstörungen, Autismus, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder andere psychiatrische Störungen zu entwickeln. Erst ab der zehnten Schwangerschaftswoche beginnt der Fetus, eine eigene Schilddrüse zu bilden.
T3 und T4 sind also wesentlich für die Reifung des Nervensystems und vieler Sinnesorgane, darunter auch das Innenohr. Das Hörsystem beginnt sich bereits sehr früh im Mutterleib zu entwickeln. Die grundlegenden Strukturen des Innenohrs entstehen im ersten Schwangerschaftsdrittel. In dieser Zeit sind Schilddrüsenhormone entscheidend dafür, dass sich die Zellen korrekt differenzieren, vernetzen und funktionell ausbilden.
Liegt bei der Mutter eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion vor, kann dies die Entwicklung des kindlichen Hörsystems beeinträchtigen.
Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen kann verschiedene Auswirkungen haben. So kann es zu einer unvollständigen Entwicklung der Haarzellen im Innenohr kommen, die für die Umwandlung von Schall in elektrische Signale verantwortlich sind. Ebenso kann die Reifung der Hörnerven und der zentralen Hörverarbeitung im Gehirn gestört sein. In der Folge können Hörstörungen unterschiedlicher Ausprägung auftreten – von leichten Einschränkungen bis hin zu ausgeprägtem Hörverlust. Häufig sind solche Störungen auch mit Verzögerungen in der Sprachentwicklung verbunden.
2. Erworbene Schilddrüsenfunktionsstörungen und ihr Einfluss auf das Gehör
Das Innenohr ist ein hochkomplexes Organ, das sowohl für das Hören als auch für das Gleichgewicht verantwortlich ist. Es besteht aus der Cochlea (Hörschnecke) und dem Vestibularsystem (Gleichgewichtsorgan). Beide Strukturen sind auf eine stabile Durchblutung, eine exakt regulierte Flüssigkeitszusammensetzung und eine funktionierende Signalübertragung im Nervensystem angewiesen.
Kommt es zu einer Unterfunktion (Hypothyreose) oder Überfunktion (Hyperthyreose) der Schilddrüse, gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht. Der Einfluss der Schilddrüse auf das Gehör endet daher nicht mit der vollständigen Entwicklung des Innenohrs. Auch im weiteren Leben kann das kleine, schmetterlingsförmige Organ das Hörvermögen beeinträchtigen.
Die häufigste Ursache für eine Unterfunktion ist dabei die Hashimoto-Thyreoiditis, seltener – wenn auch historisch weit verbreitet – ein Jodmangel. Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem die eigene Schilddrüse angreift. Dabei richtet sich die Abwehr fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe, insbesondere gegen Enzyme und Eiweiße, die für die Produktion von Schilddrüsenhormonen wichtig sind. Typisch sind dabei Antikörper gegen die Schilddrüsenperoxidase (Anti-TPO) und gegen Thyreoglobulin (Anti-Tg).
Die häufigste Ursache einer Überfunktion der Schilddrüse ist eine andere Autoimmunerkrankung: Morbus Basedow. Dabei wird die Schilddrüse nicht zerstört, sondern im Gegenteil übermäßig aktiviert. Im Körper bilden sich spezielle Antikörper, sogenannte TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK). Diese binden an die Schilddrüse und regen sie an, Hormone zu produzieren – unabhängig vom tatsächlichen Bedarf des Körpers.
3. Hörverlust bei Schilddrüsenerkrankungen – aktuelle Studien belegen Zusammenhang
Ein Zusammenhang zwischen Schilddrüsenfunktionsstörungen und Hörverlust wurde in mehreren Studien untersucht. Dabei zeigte sich, dass sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion das Hörvermögen beeinträchtigen können.
So zeigt eine aktuelle italienische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025, dass erworbene Schilddrüsenerkrankungen mit einem erhöhten Risiko für Innenohrdysfunktionen verbunden sind, insbesondere für Hörverlust, Tinnitus und Gleichgewichtsstörungen. Die Symptome seien jedoch variabel und hängen stark von individuellen und krankheitsspezifischen Faktoren ab. Diese Studie basiert auf einer systematischen Literaturrecherche in medizinischen Datenbanken und einer Auswertung von 30 Einzelstudien.
Eine weitere Übersichtsarbeit aus dem gleichen Jahr, die ebenfalls Studien zu Hypothyreose und Hyperthyreose auswertete, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Sowohl erworbene Unterfunktionen als auch Überfunktionen der Schilddrüse sind mit einem erhöhten Risiko für Hörverlust verbunden. Besonders häufig wurde ein sensorineuraler Hörverlust beobachtet, der auf eine Störung im Innenohr oder entlang der Hörbahn hinweist. In einigen Fällen treten auch gemischte Hörverluste auf, bei denen zusätzlich die Schallleitung beeinträchtigt ist.
4. Welche Mechanismen sind für die Auswirkungen der Schilddrüsenfunktionsstörungen auf das Gehör verantwortlich?
Die genauen Mechanismen für die durch Schilddrüsenfunktionsstörungen verursachten Beschwerden sind noch nicht vollständig geklärt und erfordern weitere wissenschaftliche Untersuchungen. Mehrere Faktoren stehen jedoch im Verdacht, das Hören und den Gleichgewichtssinn zu beeinflussen.
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion kommt es häufig zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels. Dies kann die Durchblutung im Innenohr reduzieren und die Funktion der Haarzellen in der Cochlea beeinträchtigen. Diese Haarzellen sind entscheidend für die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Signale, die an das Gehirn weitergeleitet werden.
Darüber hinaus können sich bei Hypothyreose Flüssigkeiten im Mittelohr ansammeln oder Schleimhäute anschwellen. Dies führt zu einem sogenannten Schallleitungsproblem, bei dem Schallwellen nicht mehr optimal übertragen werden. Betroffene beschreiben dies oft als dumpfes Hören oder ein Gefühl von „Watte im Ohr“.
Auch hormonelle Schwankungen beeinflussen die neuronale Erregbarkeit. Schilddrüsenhormone wirken direkt auf das Gehirn und können die Signalverarbeitung verändern. Dies könnte erklären, warum Tinnitus bei Schilddrüsenerkrankungen häufiger auftritt. Allerdings ist die Datenlage laut den Autoren einer der Studien begrenzt.
Neben Hörverlust und Tinnitus kann auch das Gleichgewichtssystem betroffen sein. Schwindel ist ein häufiges, aber unspezifisches Symptom, das viele Ursachen haben kann – darunter auch hormonelle Störungen.
Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ist eng mit dem Nervensystem verbunden und reagiert sensibel auf Veränderungen im Stoffwechsel. Die Verlangsamung der Signalverarbeitung, die eine Folge der Schilddrüsenunterfunktion sein kann, äußert sich unter anderem in Unsicherheit beim Gehen, Benommenheit oder Drehschwindel.
Auch bei einer Überfunktion der Schilddrüse können Schwindelgefühle auftreten. In diesem Fall spielen oft Herz-Kreislauf-Veränderungen eine Rolle, etwa durch einen erhöhten Puls oder Blutdruckschwankungen.
Ein weiterer möglicher Mechanismus ist die Beeinflussung der sogenannten Endolymphe – einer Flüssigkeit im Innenohr, die für die Funktion des Gleichgewichtsorgans entscheidend ist. Veränderungen in ihrer Zusammensetzung oder ihrem Druck können Schwindel auslösen.

5. Autoimmunprozesse und ihr Einfluss auf das Gehör
Einer weiteren Theorie zufolge sind Autoimmunmechanismen für Störungen des Innenohrs verantwortlich. Zu diesem Schluss kommen auch die Autoren einer der Studien („Inner Ear Dysfunction in Thyroid Disease: A Scoping Review“), die darauf hinweisen, dass Autoimmunprozesse eine relevante Rolle spielen könnten.
Die Studie diskutiert die Möglichkeit, dass die gebildeten Antikörper nicht ausschließlich auf die Schilddrüse beschränkt sind, sondern auch Strukturen des Innenohrs beeinflussen oder schädigen können.
Zum einen könnten Immunzellen oder Antikörper direkt Strukturen des Innenohrs angreifen, insbesondere die empfindlichen Haarzellen, die für die Umwandlung von Schall in Nervenimpulse verantwortlich sind. Zum anderen könnten sich Immunkomplexe im Innenohr ablagern und dort entzündliche Prozesse auslösen, die zu funktionellen Störungen führen.
Die Studie macht jedoch deutlich, dass Autoimmunmechanismen nicht als alleinige Ursache betrachtet werden sollten. Vielmehr handelt es sich wahrscheinlich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, zu denen auch hormonelle Einflüsse, Veränderungen der Durchblutung und stoffwechselbedingte Effekte gehören.
6. Warum werden diese Zusammenhänge oft übersehen?
Trotz der beschriebenen Mechanismen werden Hörprobleme bei Schilddrüsenerkrankungen in der Praxis häufig nicht sofort mit der Hormonstörung in Verbindung gebracht. Das liegt unter anderem daran, dass die Symptome unspezifisch sind und auch viele andere Ursachen haben können.
Hörverlust wird oft dem Alter oder Lärmbelastung zugeschrieben, Tinnitus als eigenständige Erkrankung betrachtet und Schwindel als Kreislaufproblem eingeordnet. Die Schilddrüse gerät dabei leicht aus dem Blickfeld.
Hinzu kommt, dass nicht alle Patientinnen und Patienten mit Schilddrüsenproblemen Hörsymptome entwickeln. Die Ausprägung hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Dauer der Erkrankung, der Schweregrad der Hormonstörung und individuelle Unterschiede in der Empfindlichkeit des Innenohrs.
7. Hilft die Hormonersatztherapie bei der Besserung von Hörproblemen?
Viele Patientinnen und Patienten berichten, dass sich ihre Hörprobleme, ihr Tinnitus oder ihr Schwindel im Laufe der Schilddrüsenbehandlung verbessern. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Symptome früh erkannt werden.
Ein entscheidender Punkt ist die gute Einstellung der Schilddrüsenwerte. Bei einer Unterfunktion erfolgt die Behandlung in der Regel durch die Einnahme von Schilddrüsenhormonen. Ziel ist es, den Hormonspiegel wieder in den Normalbereich zu bringen und damit die Stoffwechselprozesse zu stabilisieren.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch aktuelle Übersichtsarbeiten. Die ausgewerteten Studien zeigen, dass sich bei einem Teil der Patientinnen und Patienten unter einer adäquaten Hormonersatztherapie vor allem eine Verbesserung des Hörvermögens beobachten lässt. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Behandlung frühzeitig beginnt und die Hormonwerte konsequent in den Normbereich eingestellt werden. In solchen Fällen scheint ein Teil der Funktionsstörungen reversibel zu sein.
Gleichzeitig zeigt die zusammengefasste Studienlage, dass dieser Effekt begrenzt ist.
Die Studien erklären dieses begrenzte Ansprechen damit, dass Hörverlust bei Schilddrüsenerkrankungen häufig nicht rein funktionell ist. Neben hormonellen Einflüssen spielen offenbar auch strukturelle Veränderungen im Innenohr eine Rolle, etwa durch Durchblutungsstörungen, Zellschäden oder degenerative Prozesse. Sind diese Veränderungen einmal eingetreten, lassen sie sich durch eine reine Hormonersatztherapie oft nicht mehr vollständig rückgängig machen.
8. Wann sollte man bei Hörproblemen an die Schilddrüse denken?
Ein möglicher Zusammenhang zwischen Hörproblemen und der Schilddrüse sollte insbesondere dann in Betracht gezogen werden, wenn mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, beispielsweise Hörverlust, Tinnitus und Müdigkeit, wenn bereits eine bekannte Schilddrüsenerkrankung vorliegt, wenn sich die Beschwerden schleichend entwickeln oder wenn keine andere klare Ursache gefunden wird.
In solchen Fällen kann eine umfassende Schilddrüsendiagnostik Hinweise auf einen Zusammenhang geben.
Fazit
Die Schilddrüse spielt eine weit größere Rolle für unser Wohlbefinden, als vielen bewusst ist. Auch wenn Hörverlust, Tinnitus und Schwindel auf den ersten Blick nicht mit einer Hormonstörung in Verbindung gebracht werden, zeigen sowohl die klinische Praxis als auch aktuelle Übersichtsarbeiten, dass es durchaus Zusammenhänge gibt.
Diese sind nicht immer eindeutig und betreffen nicht jeden Patienten, sind jedoch klinisch relevant. Besonders bei ungeklärten oder kombinierten Beschwerden lohnt es sich, in der Diagnostik die Schilddrüse mit einzubeziehen.
Für Betroffene bedeutet das vor allem eines: Symptome ernst nehmen und frühzeitig abklären lassen. Denn je früher eine Schilddrüsenstörung erkannt und behandelt wird, desto größer ist die Chance, dass sich auch die Beschwerden im Bereich des Hör- und Gleichgewichtssystems wieder verbessern.
Trotz der zunehmenden Evidenz bleibt die Studienlage bislang uneinheitlich. Weitere Untersuchungen sind notwendig, um das Risiko für Hörprobleme, Tinnitus und Schwindel bei Schilddrüsenfunktionsstörungen besser zu bewerten und die zugrunde liegenden Wirkzusammenhänge genauer zu verstehen.





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