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Kann die Antibabypille Hashimoto-Thyreoiditis-Beschwerden verschlimmern?

  • Dr. Christian Lunow
  • 4. März
  • 5 Min. Lesezeit

Die Frage, ob die Antibabypille Beschwerden bei Hashimoto-Thyreoiditis verschlimmern kann, beschäftigt viele Patientinnen – besonders jene, die neben einer Schilddrüsenerkrankung unter Zyklusbeschwerden, Hautproblemen oder Stimmungsschwankungen leiden, denn Sie erfahren durch die Einnahme der Pille oftmals spürbare Vorteile. Die kurze Antwort lautet: Es kommt darauf an.


Antibabypille bei Hashimoto-Thyreoiditis
Antibabypille bei Hashimoto-Thyreoiditis

1. Wie wirkt die Antibabypille im Körper?

Die Antibabypille greift gezielt in das hormonelle Steuerungssystem des weiblichen Körpers ein, das den Menstruationszyklus reguliert. Dieses System wird vor allem durch eine hormonelle Achse zwischen Hypothalamus, Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) und Eierstöcken gesteuert. Normalerweise setzt der Hypothalamus das Hormon GnRH frei, das die Hypophyse dazu anregt, die Hormone FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) auszuschütten. FSH sorgt dafür, dass im Eierstock ein Follikel mit einer Eizelle heranreift. Ein starker LH-Anstieg in der Zyklusmitte löst schließlich den Eisprung aus.


Die Kombinationspille enthält synthetische Formen von Östrogen und Gestagen. Diese Hormone werden täglich in gleichbleibender Menge zugeführt. Dadurch entsteht im Blut ein konstanter Hormonspiegel, der dem Körper signalisiert, dass bereits ausreichend Sexualhormone vorhanden sind. Als Folge wird die Ausschüttung von GnRH, FSH und LH stark gedämpft. Ohne ausreichendes FSH reift kein Follikel vollständig heran, und ohne den LH-Anstieg kommt es nicht zum Eisprung. Dieser Mechanismus – die Unterdrückung des Eisprungs – ist der wichtigste Wirkmechanismus der Kombinationspille.

Zusätzlich wirkt vor allem das enthaltene Gestagen auf den Gebärmutterhals. Es verändert die Zusammensetzung des Zervixschleims, sodass dieser zäh und dickflüssig wird. Für Spermien stellt dieser Schleim eine schwer überwindbare Barriere dar, wodurch ihr Aufstieg in die Gebärmutter und in die Eileiter deutlich erschwert wird. Gleichzeitig beeinflusst das Gestagen die Gebärmutterschleimhaut. Unter natürlichen Bedingungen baut sich diese Schleimhaut im Laufe des Zyklus unter Östrogeneinfluss stark auf, um eine befruchtete Eizelle aufnehmen zu können. Unter der Pille bleibt sie dünner und weniger gut durchblutet, was eine Einnistung zusätzlich unwahrscheinlich macht.


2. Welche Vor- und Nachteile bietet die Antibabypille?

Die Antibabypille ist ein sehr wirksames und gut erforschtes Verhütungsmittel. In den letzten Jahren ist sie allerdings immer wieder wegen möglicher gesundheitlicher Risiken in den Schlagzeilen gewesen.

Wie stark diese Risiken ins Gewicht fallen, hängt vom individuellen Gesundheitsprofil, vom Alter, vom Rauchverhalten und vom jeweiligen Präparat ab.

Ein zentrales medizinisches Risiko betrifft Thrombosen. Östrogenhaltige Kombinationspillen erhöhen die Gerinnungsneigung des Blutes. Dadurch steigt das Risiko für eine tiefe Venenthrombose oder eine Lungenembolie. Das absolute Risiko ist bei jungen, gesunden Nichtraucherinnen zwar niedrig, nimmt jedoch deutlich zu bei Raucherinnen, bei starkem Übergewicht, bei Bluthochdruck oder bei erblichen Gerinnungsstörungen. In seltenen Fällen können auch Schlaganfälle oder Herzinfarkte auftreten, insbesondere bei zusätzlichen Risikofaktoren.


Ein weiteres Thema ist das Krebsrisiko. Die kombinierte Pille senkt zwar das Risiko für Eierstock- und Gebärmutterkrebs, sie kann jedoch das Risiko für Brustkrebs und Gebärmutterhalskrebs leicht erhöhen, solange sie eingenommen wird. Nach dem Absetzen normalisiert sich dieses Risiko im Laufe der Jahre wieder. Das individuelle Gesamtrisiko hängt stark von Alter, genetischer Belastung und Einnahmedauer ab.

Die Einnahme der Pille kann neben der Verhinderung ungewollter Schwangerschaften auch Vorteile bringen:

Ein zentraler Vorteil ist die Stabilisierung des Menstruationszyklus. Viele Frauen erleben dadurch regelmäßigere Blutungen, weniger starke Menstruationsbeschwerden und eine deutlich geringere Blutungsmenge. Das kann besonders bei sehr schmerzhaften oder starken Perioden (Dysmenorrhoe oder Menorrhagie) eine spürbare Erleichterung sein und auch das Risiko für Eisenmangel senken.

Außerdem kann die Pille hormonell bedingte Hautprobleme verbessern. Bestimmte Pillen mit antiandrogen wirksamen Gestagenen senken die Wirkung männlicher Hormone (Androgene), die an der Entstehung von Akne beteiligt sind. Dadurch kann sich das Hautbild deutlich stabilisieren. Auch übermäßige Körperbehaarung (Hirsutismus) kann sich unter Umständen bessern.

Auch bei Frauen mit polyzystischem Ovarialsyndrom oder PMS/PMDS kann die Pille helfen, Symptome zu lindern.


3. Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Hashimoto und der Einnahme der Antibabypille?

Bei Hashimoto-Thyreoiditis handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse angreift. Dadurch wird langfristig weniger Schilddrüsenhormon produziert, weshalb viele Betroffene dauerhaft L-Thyroxin (synthetisches T4) einnehmen müssen. Wenn zusätzlich eine hormonelle Verhütung wie die Antibabypille eingenommen wird, kann es zu wichtigen Wechselwirkungen kommen – vor allem auf hormoneller und stoffwechselbezogener Ebene.


Erhöhung des Thyroxin-bindenden Globulins (TBG)

Ein zentraler Punkt betrifft das Östrogen in der Kombinationspille. Östrogen erhöht im Blut die Konzentration eines Transportproteins namens Thyroxin-bindendes Globulin (TBG). Dieses Protein bindet Schilddrüsenhormone und transportiert sie im Blut. Wenn mehr TBG vorhanden ist, wird ein größerer Anteil des Schilddrüsenhormons gebunden, sodass kurzfristig weniger „freies“, biologisch aktives Hormon zur Verfügung steht.

Bei gesunden Frauen kann die Schilddrüse dies ausgleichen, indem sie mehr Hormone produziert. Bei Hashimoto-Patientinnen ist diese Anpassungsfähigkeit jedoch eingeschränkt. Dadurch kann es sein, dass sich unter Beginn einer kombinierten Antibabypille die Werte verschieben und eine höhere Dosis Levothyroxin notwendig wird.

Umgekehrt kann auch das Absetzen der Pille eine Rolle spielen. Wenn das zusätzliche Östrogen wegfällt, sinkt das TBG wieder ab. Dann kann plötzlich mehr freies Schilddrüsenhormon im Blut vorhanden sein, was bei unveränderter Medikamentendosis zu Symptomen einer leichten Überfunktion führen kann. Deshalb empfiehlt es sich, bei Beginn oder Absetzen einer östrogenhaltigen Pille die Schilddrüsenwerte (TSH, fT4, ggf. fT3) nach etwa sechs bis acht Wochen kontrollieren zu lassen.


Einfluss auf Autoimmunprozesse

Sexualhormone im Allgemeinen haben großen Einfluss auf das Immunsystem. Sowohl Östrogen als auch das männliche Gegenstück Testosteron beeinflussen – wie andere Steroidhormone ebenfalls – welche Zytokine zur Steuerung einer Immunreaktion vorrangig produziert werden.

Östrogene können bestimmte Immunreaktionen verstärken. Da Hashimoto eine Autoimmunerkrankung ist, wird diskutiert, ob hormonelle Kontrazeptiva:

• Antikörperspiegel beeinflussen• Entzündungsprozesse verstärken

Die Studienlage ist jedoch nicht eindeutig. Bisher gibt es keine klaren Belege dafür, dass die Pille die autoimmune Zerstörung der Schilddrüse signifikant beschleunigt.


4. Können sich Hashimoto-Beschwerden durch die Pille verschlechtern?

Ja, unter Umständen können sich Hashimoto-Beschwerden unter der Antibabypille verändern oder subjektiv verschlechtern – allerdings eher nicht, weil die Pille die Autoimmunerkrankung selbst „anfeuert“, sondern weil die Wirkung der Schilddrüsenhormone im Körper durch die Pille beeinflusst wird.

Typische Beschwerden wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Gewichtszunahme, depressive Verstimmung, Haarausfall oder Kältegefühl können stärker auftreten.


Allerdings beeinflussen Sexualhormone selbst das Wohlbefinden. Östrogen und Gestagen wirken auf das zentrale Nervensystem, auf den Stoffwechsel und auf die Flüssigkeitsverteilung im Körper. Manche Symptome wie Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen oder Gewichtszunahme können sich daher mit klassischen Unterfunktionsbeschwerden überlagern. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, dass sich „Hashimoto verschlechtert“, obwohl es sich um eine hormonelle Wechselwirkung oder Nebenwirkung der Pille handelt.


Antibabypille bei Ahshimoto-Thyreoiditis
Ultraschall im Schilddrüsenzentrum Dr. Lunow & Partner

5. Was kann man tun, wenn sich Hashimoto unter der Antibabypille subjektiv verschlechtert?

Die Antibabypille kann Einfluss auf eine Hashimoto-Erkrankung haben, insbesondere weil sie den Bedarf an L-Thyroxin erhöhen kann. Deshalb sollte bei neuen Beschwerden unter der Pille immer:

  1. eine Schilddrüsenkontrolle (TSH, fT3, fT4) erfolgen

  2. die Dosierung überprüft werden

  3. differenzialdiagnostisch an pillenbedingte Nebenwirkungen gedacht werden

In der Regel kann eine vorübergehende „Verschlechterung“ durch eine Anpassung der Medikation durch den Arzt gut in den Griff bekommen werden.


Menschen mit Hashimoto, die vorrangig nicht auf die positiven Nebenwirkungen einer Antibabypille angewiesen sind, können unter Umständen davon profitieren, ganz auf die Pille zu verzichten und auf alternative Formen der Verhütung wie kupferhaltige Kontrazeptiva umzusteigen. Vorsicht ist jedoch auch bei anderen hormonellen Verhütungsmitteln geboten. Dazu zählen Vaginalring, Verhütungspflaster sowie Depotpräparate. Sie bieten gegenüber der Antibabypille kaum Vorteile hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen mit der Hashimoto-Erkrankung.


Fazit

Die Pille verschlimmert die Autoimmunerkrankung selbst nach heutigem Kenntnisstand nicht direkt. Sie kann jedoch die Hormonbalance verändern, sodass sich Unter- oder Überfunktionssymptome bemerkbar machen, wenn die Schilddrüsenmedikation nicht entsprechend angepasst wird.

Deshalb ist es sinnvoll, etwa 6–8 Wochen nach Beginn oder Absetzen einer östrogenhaltigen Pille die Schilddrüsenwerte kontrollieren zu lassen.

Eine engmaschige Kontrolle ist besonders sinnvoll bei:

• neu diagnostizierter Hashimoto-Thyreoiditis

• instabilen TSH-Werten

• Kinderwunsch in naher Zukunft

• ausgeprägten Stimmungsschwankungen

• gleichzeitigen anderen Autoimmunerkrankungen



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