Was verschlimmert Hashimoto? – 8 Dinge, die Betroffene beachten sollten
- Dr. Christian Lunow
- vor 13 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Krankheit, die den gesamten Körper betreffen kann. Ist die Schilddrüse geschädigt und das hormonelle Gleichgewicht gestört, verspüren Betroffene Symptome, die von Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Depression über Gewichtszunahme bis hin zu Verdauungsproblemen, Muskelschmerzen und Herzstolpern reichen können. Durch eine richtige medikamentöse Einstellung sind diese Symptome allerdings meist gut in den Griff zu bekommen.
Allerdings kommt es immer wieder vor, dass sich Hashimoto im Laufe der Jahre verändert und verschlimmert, sodass scheinbar optimal eingestellte Patienten erneut akut unter der Erkrankung leiden. Zwar können Krankheitsschübe oder gesundheitliche Rückschläge im Verlauf der Hashimoto-Erkrankung immer auftreten, auch ohne dass Betroffene konkrete Ursachen ausmachen können. Häufig aber stößt man bei der Suche nach Auslösern auf typische Ereignisse und Faktoren. Wir haben daher einmal die 8 häufigsten Dinge gesammelt, die Hashimoto verschlimmern können und die Betroffene, wenn möglich, vermeiden sollten.

1. Hormonelle Umstellungen und Hashimoto
Natürlich sind hormonelle Umstellungen in der Regel nichts, was Menschen aktiv vermeiden können. Dennoch muss dieser Faktor als Punkt 1 genannt werden, denn der Einfluss von hormonellen Umstellungen auf die Hashimoto-Erkrankung – vor allem bei Frauen – ist groß.
Die wichtigsten Lebensphasen in diesem Zusammenhang sind Pubertät, Schwangerschaft und Wechseljahre – also Phasen, in denen sich vor allem die Östrogen-, Progesteron- und Prolaktinspiegel verändern. Sexualhormone im Allgemeinen haben große Auswirkungen auf die Aktivität des Immunsystems. Während die Pubertät oftmals der Zeitraum ist, in dem – mit steigendem Östrogenspiegel – viele Autoimmunerkrankungen erstmals auftreten, sind das Ende einer Schwangerschaft und die Wechseljahre die Zeiträume, in denen Betroffene am häufigsten Verschlimmerungen der Erkrankung feststellen. Der Grund: Die Östrogen- und Progesteronspiegel sinken ab und die Aktivität des Immunsystems steigt.
Auch eine orale Östrogenersatztherapie, die in den Wechseljahren begonnen werden kann, hat Einfluss auf das Immunsystem und die Wirksamkeit der Schilddrüsenhormone im Blut, was wiederum die erforderliche Dosis einer Thyroxin-Therapie verändern kann.
2. Zu hohe Jodzufuhr bei Hashimoto
Ist der Verzehr von jodhaltigen Nahrungsmitteln problematisch oder unproblematisch bei Hashimoto? Ist er gar förderlich? Die Rolle von Jod bei Hashimoto ist im Netz und selbst bei Medizinern noch immer umstritten. Eines lässt sich allerdings klar beantworten: Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen dem gehäuften Auftreten von Hashimoto und gesteigertem Jodkonsum gibt. Jod fördert in höherer Dosierung die Aktivierung von Zellen, welche die Immunprozesse bei Hashimoto-Thyreoiditis verursachen. Daher ist Betroffenen abzuraten, die Jodzufuhr zusätzlich zu steigern. Das heißt aber nicht, dass Jod komplett aus der Küche verbannt werden muss.
Aus unserer langjährigen Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit Hashimoto wissen wir: Eine bewusste Kontrolle und Reduzierung der Jodaufnahme, etwa durch Verzicht auf jodiertes Speisesalz, kann sich für viele positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken.
3. Chronischer Stress und psychische Belastung
Anhaltender oder immer wiederkehrender psychischer Stress kann das Immunsystem beeinflussen, das Risiko zu erkranken erhöhen und bestehende Krankheiten verschlimmern. Studien zeigen, dass das für eine Reihe von Erkrankungen gelten dürfte, nicht nur für Autoimmunerkrankungen. Stress belastet die Blutgefäße und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Stress zu reduzieren, ist daher der naheliegende Rat an Menschen mit chronischen Erkrankungen. Doch natürlich ist das oftmals leichter gesagt als getan. Stress lässt sich selten einfach abschalten, nicht nur deshalb, weil sich nicht alles im (Berufs-)Leben steuern lässt, wie wir es gerne hätten, sondern auch, weil schädlicher Stress zu einem großen Teil in uns selbst entsteht – in Form negativer Gedanken und Gefühle.
Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis sollten daher Stressoren vermeiden, aber möglichst auch den bewussten Umgang mit Stress zur Stressbewältigung erlernen. Dazu zählt:
regelmäßige Schlaf- und Ruhezeiten einhalten
körperliche Bewegung
Kurse zu aktivem Stressabbau und Achtsamkeit bis hin zu professioneller psychologischer Hilfe, um Ängste und tieferliegende Ursachen mangelnder Stressverarbeitung aufzudecken
4. Infektionen oder schwere Krankheiten
Virus- oder bakterielle Infekte können bei Menschen mit genetischer Veranlagung als Trigger für die Entstehung von Autoimmunkrankheiten und auch für die Verschlechterung oder für einen Krankheitsschub wirken. Dazu zählen zum Beispiel Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), Hepatitis-C-Virus, Entero-, Röteln-, Mumps-, Coxsackie-B-Viren oder neuerdings auch SARS-CoV-2 (Sharma, Bayry, 2023).
Speziell bei Hashimoto berichten manche Patienten über stärkere Müdigkeit sowie neue oder verstärkte Unterfunktionssymptome. Das kann mit Schwankungen der Schilddrüsenwerte und einem Anstieg der Antikörper korrelieren.
Wie es dazu kommt, dass bestimmte Infektionskrankheiten bei prädisponierten Menschen den Krankheitsverlauf beeinflussen, ist noch nicht vollständig geklärt. Mehrere mögliche Wirkmechanismen werden dabei in der Forschung diskutiert. Was zudem eine Rolle spielen dürfte, ist eine allgemeine Aktivierung des Immunsystems, d. h.:
mehr Entzündungsstoffe (Zytokine)
Aktivierung von Immunzellen
gesteigerte Antikörperproduktion
Das aktivierte Immunsystem kann nicht nur den Erreger angreifen, sondern auch bereits vorhandene Autoantikörper und eventuell ruhende Autoimmunprozesse wieder aktivieren.
Infektionen sind ähnlich wie größere chirurgische Eingriffe eine starke Belastung für den Körper. Das hat wiederum Einfluss auf das Hormonsystem und die Stressachsen, wodurch bestehende Autoimmunprozesse destabilisiert und Symptome verstärkt werden können.
Natürlich ist es kaum möglich, sich vollständig gegen Ansteckungen mit bestimmten Erregern zu schützen. Die beste Möglichkeit besteht im rechtzeitigen Aufbau von Impfschutz gegen bestimmte Infektionen. Hashimoto-Thyreoiditis und andere Autoimmunerkrankungen stellen laut STIKO keine Kontraindikation für Schutzimpfungen dar. Dass Impfstoffe bei Patienten mit immunologisch bedingten Erkrankungen einen Krankheitsschub auslösen, wie man früher befürchtete, konnte in Studien bislang nicht belegt werden.
Mehrere große Untersuchungen und Metaanalysen kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass Impfungen kein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Autoimmunerkrankungen bedeuten.
6. Zucker, Alkohol, Rauchen, Bewegungsmangel und Schlafmangel
Lebensstilfaktoren können den Verlauf einer bestehenden Hashimoto-Erkrankung deutlich beeinflussen. Eine unausgewogene Ernährung mit viel Zucker, stark verarbeiteten Lebensmitteln und übermäßigem Alkoholkonsum kann zusätzlich entzündliche Prozesse fördern. Zudem belasten sie Leber und Stoffwechsel, was indirekt die Hormonverarbeitung beeinflussen kann.
Auch Rauchen wirkt sich allgemein negativ auf das Immunsystem und die Schilddrüse aus: Zigarettenrauch enthält Stoffe, die oxidativen Stress und Entzündungen fördern. Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum können außerdem die Aufnahme und Wirkung von Schilddrüsenhormonen beeinträchtigen.
Regelmäßige körperliche Aktivität kann den Stoffwechsel unterstützen. Menschen mit Hashimoto sollten daher Bewegungsmangel meiden. Körperliche Aktivität fördert die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung und damit die Stoffwechseltätigkeit. Wird Muskelgewebe beansprucht, produziert es Hormone. Dabei handelt es sich um Zytokine und sogenannte Myokine. Diese Signalstoffe, die vom Muskel in den Blutstrom ausgeschüttet werden, wirken Entzündungen entgegen und verbessern die Aufnahme von Glukose in die Zellen.
Ein stabiler Alltag mit ausreichend Schlaf, stressreduzierenden Gewohnheiten, ausgewogener Ernährung und moderater Bewegung kann dagegen helfen, Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

7. Schilddrüsenmedikamente unregelmäßig oder falsch einnehmen
Die Therapie mit Levothyroxin (L-Thyroxin) dient dazu, den Hormonmangel auszugleichen und den Stoffwechsel zu stabilisieren. Wird das Medikament jedoch unregelmäßig eingenommen oder zu niedrig beziehungsweise zu hoch dosiert, können die Hormonspiegel im Blut stark schwanken. Das führt häufig zu anhaltenden oder wechselnden Beschwerden wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Gewichtszunahme, Herzklopfen oder innerer Unruhe. Zudem kann eine dauerhaft falsche Einstellung das Herz-Kreislauf-System, die Knochengesundheit und den Stoffwechsel belasten. Unregelmäßige Einnahme kann außerdem dazu führen, dass Blutwerte schwer interpretierbar sind, was die richtige Dosiseinstellung erschwert.
Hashimoto-Patienten sollten nicht eigenständig die Dosis ändern oder die Medikamente absetzen. Das körperliche Befinden hinkt den Schilddrüsenwerten häufig um Wochen bis Monate hinterher, sodass für eine vernünftige Bewertung der eingestellten Dosierung einige Zeit vergehen kann.
Wir empfehlen, die Medikamente möglichst zur gleichen Zeit morgens auf nüchternen Magen, mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück, einzunehmen. Halten Sie bei der Einnahme Ihres Hormonpräparats am besten einen Abstand von zwei Stunden zu anderen Arzneien ein, um eine optimale Aufnahme des Wirkstoffs zu gewährleisten.
8. Extreme oder einseitige Diäten
Gewichtszunahme und Übergewicht zählen zu den häufigen Symptomen der Hashimoto-Thyreoiditis. Gleichzeitig ist Abnehmen nach althergebrachten Methoden für Betroffene oft besonders schwierig. Denn Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion haben in der Regel verringerte Stoffwechselfunktionen. Manche Erkrankte wollen den Gewichtsverlust daher erzwingen.
Extreme oder sehr einseitige Diäten können den Verlauf einer Hashimoto-Erkrankung allerdings negativ beeinflussen, vor allem weil sie den Körper in einen Stress- und Mangelzustand versetzen. Bei stark reduzierter Kalorienzufuhr (Crash-Diäten) schaltet der Stoffwechsel noch weiter herunter. Dabei sinkt auch die Umwandlung des Schilddrüsenhormons T4 in das aktive T3.
Einseitige Ernährungsformen erhöhen außerdem das Risiko für Nährstoffmängel, etwa bei Eisen, Selen, Zink, Vitamin D oder B-Vitaminen. Diese Nährstoffe sind wichtig für die Hormonproduktion, die Umwandlung der Schilddrüsenhormone und die Regulation des Immunsystems. Fehlen sie, können sich Entzündungsprozesse verstärken und Symptome zunehmen.
Auch sehr strenge Diäten erhöhen häufig das Stresshormon Cortisol, was das hormonelle Gleichgewicht zusätzlich belastet. Daher wird bei Hashimoto meist eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung statt extremer Diätformen empfohlen.
Fazit
Hashimoto-Thyreoiditis ist eine komplexe Autoimmunerkrankung, deren Verlauf von vielen inneren und äußeren Faktoren beeinflusst wird. Auch wenn die medikamentöse Einstellung die wichtigste Grundlage der Behandlung darstellt, zeigt die Erfahrung, dass Lebensstil, hormonelle Veränderungen, Infektionen und Stress eine entscheidende Rolle für das tägliche Wohlbefinden spielen können. Viele Verschlechterungen entstehen nicht plötzlich oder ohne Grund, sondern stehen im Zusammenhang mit bestimmten Belastungen oder Veränderungen im Körper.
Besonders wichtig ist es, den eigenen Körper und seine Reaktionen besser kennenzulernen. Wer typische Auslöser erkennt – etwa anhaltenden Stress, Schlafmangel, Infekte oder unausgewogene Ernährung – kann oft gezielt gegensteuern und damit Schüben vorbeugen. Ein stabiler Alltag mit ausreichend Schlaf, regelmäßiger Bewegung, einer nährstoffreichen Ernährung und einer konsequenten Medikamenteneinnahme bildet dabei die Grundlage für ein möglichst ausgeglichenes Hormonsystem.
Gleichzeitig sollten Betroffene bedenken, dass sich Hashimoto im Laufe des Lebens verändern kann. Hormonelle Umstellungen, neue Lebensphasen oder gesundheitliche Ereignisse können eine Anpassung der Therapie erforderlich machen. Regelmäßige ärztliche Kontrollen und ein bewusster Umgang mit den eigenen Ressourcen helfen dabei, die Erkrankung langfristig gut zu bewältigen und die Lebensqualität zu erhalten.






Kommentare